14. Juni 2026 – Nach dem entspannten Ruhetag am Lago d‘Orta wollten wir es an Tag 4 ruhig angehen lassen. Das Ziel: ein Zeltplatz weiter südlich in Italien, laut Plan eine unspektakuläre Etappe. Wir fuhren zunächst durch einige der eher unromantischen Industriegebiete Norditaliens – nicht gerade die Postkartenmotive, die man sich von einer Motorradreise erhofft, aber Teil der Realität, wenn man quer durchs Land fährt.
⛅ Wettercheck entlang der Route
| Etappe | Bedingungen | Temperatur | Risiken |
|---|---|---|---|
| Start – Industriegebiete Norditalien | ☀️ Sonnig, klar | 22–25 °C | Keine, entspannte Fahrt |
| Anstieg Richtung Tunnel/Passhöhe | 🌤️ Sonnig, zunehmend windig | 15–18 °C | Kühlerer Fahrtwind in den Kurven, Warnwesten-Pflicht bei Wartezeit |
| Ligurische Grenzkammstraße (Schotter, bis 2.020 m) | 🌬️ Windig, klare Sicht | 8–11 °C | Lose Steine, Spitzkehren, Konzentrationsverlust durch Kälte und Höhe |
| Abfahrt zur befestigten Straße | 🌤️ Sonnig, milder werdend | 14–17 °C | Nachlassende Konzentration nach anstrengendem Abschnitt |
| Ankunft Zeltplatz (Abend) | 🌙 Klar, mild | 16–19 °C | Keine, entspannter Ausklang |
Doch je näher wir den Bergen kamen, desto kurviger wurde die Strecke, und die Landschaft wechselte spürbar. Wir näherten uns entspannt einem Tunnel, der uns den direkten Weg über den Pass ersparen sollte. Nur eine Stunde Fahrt lag noch vor uns – dachten wir.
Tunnel gesperrt bis 18:00 Uhr – und jetzt?
Was wir nicht ahnten: Der Tunnel war gesperrt. Bis 18:00 Uhr. Es war gerade einmal 13:45 Uhr – für uns bedeutete das entweder über vier Stunden Wartezeit oder eine Alternative finden. Eine ausgeschilderte Umleitung? Fehlanzeige.
Wir fuhren zunächst auf eine nahegelegene Passhöhe, in der Hoffnung, dort eine Lösung zu finden. Doch auch dort ging es nicht wirklich weiter. Die Karten zeigten zwar Wege, aber ob die für unsere Bikes und unser Gepäck geeignet waren, war zunächst unklar.
Der Tipp anderer Biker: Die Ligurische Grenzkammstraße
Die Rettung kam von anderen Motorradfahrern, die wir vor Ort trafen. Sie kannten die Gegend und gaben uns einen Tipp: Es gäbe eine Möglichkeit, über einen etwa 20 km langen Schotterabschnitt der Ligurischen Grenzkammstraße auf die andere Seite zu gelangen. Kein Asphalt, dafür Höhenmeter bis auf rund 2.020 Meter – aber machbar, wenn man sich traut.
Für uns bedeutete das: raus aus der Komfortzone. Weder meine BMW R1250 GS Adventure noch die Moto Guzzi V85TT meiner Frau waren an diesem Tag für Offroad-Abenteuer eingeplant – beide voll beladen mit Gepäck für drei Wochen Reise. Aber die Alternative – vier Stunden warten – überzeugte uns noch weniger.
20 km Schotter mit vollbeladener GS und V85TT
Wir entschieden uns für den Schotterabschnitt. Die ersten Kilometer der Ligurischen Grenzkammstraße forderten volle Konzentration: lose Steine, dazu das Gewicht des Reisegepäcks, das sich bei jedem Bremsmanöver bemerkbar machte. Auf über 2.000 Metern Höhe wechselte die Landschaft zu kargen Bergkämmen, weite Ausblicke, aber auch spürbar dünnere Luft und kühlere Temperaturen als noch im Tal.
Für meine Frau auf der V85TT war es eine echte Bewährungsprobe – die Guzzi ist zwar für Schotter ausgelegt, aber mit vollem Gepäck auf unbefestigtem Untergrund eine andere Hausnummer. Auch meine GS Adventure verlangte volle Aufmerksamkeit; das hohe Gewicht macht sich bemerkbar, wo Standfestigkeit und Gleichgewicht gefragt sind.
Unser Tipp für alle, die auf Reiseenduros unterwegs sind: Übt Schotterabschnitte am besten schon zuhause mit vollem Gepäck, bevor ihr auf einer langen Tour ungeplant in so eine Situation geratet. Die Fahrdynamik ändert sich mit Zuladung erheblich – das sollte man kennen, bevor man es auf über 2.000 Metern Höhe zum ersten Mal ausprobiert.
Erleichterung am anderen Ende
Nach knapp zwei Stunden auf der Schotterpiste erreichten wir schließlich wieder befestigte Straßen – erschöpft, aber auch stolz. Was als Umweg wegen einer Tunnelsperrung begann, wurde zu einem der intensivsten und lehrreichsten Abschnitte unserer gesamten Sommertour 2026. Genau diese ungeplanten Momente sind es, die eine Motorradreise unvergesslich machen.
Nach der geschafften Schotterpassage der Ligurischen Grenzkammstraße führte uns die Route noch einmal auf über 1.600 Meter Höhe – ein letzter Blick zurück auf die Berge, bevor Google Maps uns auf einen Pfad schickte, den wir so nicht geplant hatten. Enge Kehren, kaum Verkehr, dafür immer wieder Ausblicke, die zwischen Fels und erstem Mittelmeerduft wechselten. Innerhalb weniger Stunden ging es von alpiner Kälte auf der Passhöhe hinunter Richtung Küste – die Landschaft veränderte sich mit jedem Kilometer: aus kargem Gestein wurden mediterrane Hänge, aus kühler Bergluft die warme, salzige Luft der Riviera.
Gegen späten Nachmittag erreichten wir schließlich die Küstenregion nahe Sospel – müde, aber überglücklich. Was als stressiger Umweg wegen der Tunnelsperrung begann, wurde zu einem der eindrücklichsten Streckenabschnitte der gesamten Reise.
Am Abend erreichten wir schließlich unseren Zeltplatz – später als geplant, aber mit einer Geschichte mehr im Gepäck. Wie es weiterging, erfahrt ihr im nächsten Beitrag unserer Serie!
👉 Ihr wollt keine Etappe der Sommertour 2026 verpassen? Hier geht‘s zur Gesamtübersicht aller 22 Tage.